Stellungnahme statt Vorfreude

Stellungnahme der Bürgerinitiative für einen lebenswerten Hartzloh zum Artikel „Vorfreude auf die neue U5“ in der aktuellen Sommer-Ausgabe der Zeitschrift Barmbek live.

Update 18.07.2017: Verantwortlichkeit für den Artikel im Text geändert, Zusmmenfassung der Stellungnahme der IG Fuhle am Ende des Artikels angefügt. Alle Änderungen sind im folgenden Text kursiv gesetzt.

Mit Erstaunen haben wir den Artikel „Vorfreude auf die neue U5“ in der Zeitschrift „Barmbek live“ des Wochenblatts zur Kenntnis genommen. Zum Verständnis des Projekts U5 und der zu erwartenden Auswirkungen auf Anwohner, Einzelhandel und Stadtteil fehlen wichtige Hintergrundinformationen, die in dem Artikel ausgespart wurden.

Haltestellensuche ein „spannendes Rennen“?

Ursprünglich war seitens der Hochbahn gar keine Suche nach der besten Haltestellenlage in Barmbek-Nord vorgesehen – die glaubte man mit der Vorzugsvariante Hartzloh bereits gefunden zu haben. Widerstand aus der Bevölkerung gegen die Art der Planung und konstruktive Gegenvorschläge führten dennoch zur Ausweitung der Haltestellensuche auf zwölf Alternativen. Das im Artikel beschriebene „spannende Rennen unter fünf Finalisten“ ist allerdings weder spannend noch fair, sondern traurig, da die stärksten Gegner nicht teilnehmen durften. Unliebsame Alternativ-Vorschläge aus der Bevölkerung – beispielsweise rund um den Langenfort – wurden willkürlich disqualifiziert. Die Hochbahn spricht von „Abschichtung“: Mittels geschickter Wahl von statistischen Methoden und Bewertungsmaßstäben wurde ein Starterfeld „errechnet“, das angesichts der zugrundeliegenden Zahlen und Daten für ungläubiges Kopfschütteln sorgt. Sportlich und zielführend wäre es gewesen, die stärksten Standorte gegeneinander antreten zu lassen, um den für den Stadtteil besten in verschiedenen Disziplinen zu ermitteln.

Viele der aus Sicht der Bürgerinitiative und vieler Anwohner vor Ort durchaus attraktiven Alternativen wären nicht nur wesentlich weniger belastend für Mensch und Umwelt, sondern würden auch deutlich mehr Barmbeker an das Schnellbahnnetz anschließen. Die offiziellen Zahlen der Hochbahn untermauern dies inzwischen. Hinzu kommt, dass Alternativen rund um den Langenfort den Vorteil hätten, dass die Geschäfte Richtung Süden ab der Ringbrücke ebenfalls fußläufig erreichbar wären. Aber in dieser Richtung will die Hochbahn nicht schauen: die Erschließung des nördlichen Teils der Fuhle hat oberste Priorität, eine Erklärung für diese Prämisse steht nach wie vor aus.

Die Sicht der betroffenen Anwohner

Die immer noch bevorzugte Planung in der viel zu engen Hartzloh-Trasse mit gigantischer offener Baugrube für die Haltestelle über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren ist aus Sicht der Bürgerinitiative und vieler Anwohner unnötig und katastrophal für den Stadtteil. Der Umbau der Fuhle war banal dagegen. Viel zu wenige Anwohner in Barmbek-Nord werden durch eine U5-Haltestelle am nördlichen Teil der Fuhle erreicht werden, da dieser Bereich bereits sehr gut durch S-Bahn und Busse erschlossen ist.

Die Freude der Einzelhändler

Im Artikel kommen Einzelhändler aus von den Baumaßnahmen nicht betroffenen Teil der Fuhle südlich der Ringbrücke zu Wort. Offensichtlich handelt es sich hierbei um spontane Reaktionen, die auf falschen Vorstellungen beruhen. Ob sich die erhofften Vorteile durch den Betrieb der U5 auch nur im Ansatz einstellen, muss stark bezweifelt werden. Offizielle Berechnungen der Hochbahn bezüglich der erwarteten Verkehrsströme zeigen, dass durch den Betrieb der U5 über die Sengelmannstraße täglich 24.100 Fahrgäste von den bestehenden Schnellbahnstrecken ab Bahnhof Barmbek abgezogen werden. Zusätzlich steht jetzt bereits fest, dass die Buslinien aus nördlicher Richtung nach Barmbek reduziert werden, da deren Transportaufgabe von der U5 übernommen wird – die allerdings den Barmbeker Bahnhof weiträumig umfährt.

Für die Gewerbetreibenden rund um den Barmbeker Bahnhof sind die negativen Auswirkungen des Betriebs der U5 schon jetzt absehbar. Durch die bereits angekündigte Ausdünnung des Busverkehrs auf der Fuhle wird auch der prinzipiell mögliche Umstieg von der U5 in die Linie 7 oder 172 – und damit die Weiterfahrt zur südlichen Fuhle – sehr unattraktiv. Auch die Hochbahn sieht in der Bewertung der Haltestellenlagen den Umstieg von der U5 in die Buslinie als unwichtig an! Fußläufig sind die Geschäfte im südlichen Teil der Fuhle viel zu weit entfernt vom Hartzloh.

Wohin geht die Reise?

Wahrscheinlicher ist, dass der geplante Wohnungsbau in der City Nord und die attraktive Erschließung durch die U5 dort für einen Aufschwung sorgen werden – auf Kosten des Einzelhandels in der südlichen Fuhle. Im nördlichen Teil der Fuhle mussten bereits viele Traditionsgeschäfte aufgeben, da die Mieten durch hochpreisige Neubauprojekte explodierten – eine U5-Haltestelle an dieser Stelle soll diesen Standort nachhaltig aufwerten, eine Vervielfachung der Mieten wird prognostiziert. Im besten Fall wird es hier zu einer verstärkten Gentrifizierung kommen, gut für Investoren.

Zuvor werden allerdings durch die enorm belastende und extrem lange Bauphase voraussichtlich nicht nur der beliebte Wochenmarkt sondern auch viele der Einzelhändler aufgeben müssen – die anschließende Aufwertung der nördlichen Fuhle wird ebenfalls auf Kosten des Einzelhandels in der weit entfernten südlichen Fuhle geschehen.

Das wäre bei einer anderen, besseren Planung nicht notwendig! Die Hochbahn-Pläne sind nicht alternativlos, es fehlt allein der politische Wille.

Fast alle Gewerbetreibenden, die in dem Artikel die U5 lobend erwähnen, werden nicht von der U5 profitieren, da maximal 720m Fußweg als noch akzeptabel betrachtet werden – die Hellbrookstraße ist bereits über 1.000m vom Hartzloh entfernt. Mit der jetzigen Planung werden Fahrgastströme nicht mehr Richtung Barmbek, sondern Richtung City Nord und dann perspektivisch über Winterhude in die Innenstadt gelenkt werden. Will man  die Fuhlsbüttler Straße als Ganzes aufwerten, darf man potentielle Kunden nicht umlenken.

Wenn Herr Ernst von der Hochbahn das Argument bietet, die Busse stünden im Stau, so meint er damit die Metrobuslinien 5+6 in Winterhude und Rotherbaum, die durch den Bau der U5 entlastet oder ersetzt werden sollen. Das gerade erst mit großem Aufwand realisierte Busbeschleunigungsprogramm auf der Fuhle in Frage zu stellen wäre unlogisch, lediglich die Taktung der Busse sollte optimiert werden – nicht reduziert!

Wenn das Gesamtnetz relevant wäre, so wie Herr Ernst es beschreibt, dann wäre eine Trassenführung über Barmbek sicherlich sehr sinnvoll, um Fahrgastströme Richtung Innenstadt und die Sub-Zentren Barmbek und Hamburger Straße zu lenken und Busse aus Bramfeld und Steilshoop wirklich zu entlasten.

Wohin könnte die Reise gehen?

In dem Artikel ist kein einziger Gewerbetreibender aufgeführt, der rund um die geplanten Haltestellenlagen angesiedelt ist und sich positiv zur U5 geäussert hat. Das gibt zu denken! Wir kennen einige gegenteilige Aussagen von Geschäftstreibenden im nördlichen Teil der Fuhlsbüttler Straße, die auch für diesen Artikel interviewt wurden. Eine Veröffentlichung dieser kritischen Stimmen hätte dem Artikel gut getan.

Wir empfehlen dem Wochenblatt dringend, sich inhaltlich mit den Planungen und Risiken der neuen U5 auseinanderzusetzen. Verharmlosung des Projektes und pauschale Aussagen sind aus unserer Sicht nicht sinnführend und verwischen die Problematik der bisherigen Planung.

Es ist wichtig, dass Bramfeld und Steilshoop einen Schnellbahnanschluß bekommen. Aber auch in Barmbek-Nord gibt es gerade im nord-östlichen Teil viele Menschen, die bisher keinen Schnellbahn-Anschluß fußläufig erreichen, sondern insbesondere auf die Linien 277, 177 angewiesen sind. Geht es nach dem politischen Willen, wird diese Erschließungslücke mit der U5 nicht geschlossen, obwohl es leicht möglich wäre! Dort liegen auch riesige Potentialgebiete für den Wohnungsbau, die aber aufgrund aktuell fehlender Realisierungspläne von der Hochbahn ignoriert werden – angesichts eines Jahrhundertprojekts nicht nachvollziehbar! Wenn politische Interessen den Ausschlag bei der U5-Planung geben, sollten diese offengelegt und diskutiert werden. Stattdessen scheint die Hochbahn den Auftrag erhalten zu haben, die Partikularinteressen einzelner Politiker unerkannt in der Planung zu berücksichtigen – anders lassen sich viele Planungsdetails und Gewichtungen nicht erklären.

Die Bürgerinitiative für einen lebenswerten Hartzloh setzt sich dafür ein, dass die U5 so geplant wird, dass sie in puncto Trassenführung und Bauverfahren möglichst menschen- und umweltschonend umgesetzt wird. So wie es vom Senat ursprünglich beauftragt wurde. Im Sinne eines lebenswerten Stadtteils und im Sinne der dort lebenden und arbeitenden Menschen!

Stellungnahme der IG Fuhle

Zwischenzeitlich hat uns eine Stellungnahme der IG Fuhle erreicht. „Barmbek Live“ sei ein Produkt des Wochenblatt Verlags, die Redaktion entscheide über Inhalte und Konzepte. Also auch, wer zu welchem Thema wie interviewt wird. Die IG Fuhle selbst setzt sich zum Ziel, möglichst wertfrei und neutral über Themen den Stadtteil betreffend zu kommunizieren. Dies kann die IG Fuhle nur in eigenen Publikationen umsetzen, nicht bei externen Medien wie dem Wochenblatt. Im Artikel heiße es nicht explizit „Die IG Fuhle findet…“, sondern „Mitglieder der IG Fuhle…“. Dies sei etwas unglücklich, man hätte mehr differenzieren können und insgesamt hätte der Bericht ausgewogener sein dürfen.

Wir danken der IG Fuhle für diese Klarstellung. Die Entscheidung über die Aussage des Artikels wurde also allein vom Wochenblatt getroffen und spiegelt nicht die Sichtweise der IG Fuhle wieder. Das genannte Ziel der IG Fuhle – wertfreie und neutrale Information – sollte in allen Redaktionen einen sehr hohen Stellenwert haben. Leider sieht die Realität oft anders aus, und das nicht aus Unwissenheit der Journalisten…

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